Weiterbildung im Praxisteam: Warum zehn Minuten pro Woche mehr bewirken als ein Fortbildungstag

Die MFA fragt alles ab. Dann kommt der Arzt ins Zimmer und fängt von vorne an.

Diese Situation kenne ich aus unserer eigenen Kinderarztpraxis, und ich höre sie in meiner Beratungsarbeit immer wieder. Sie kostet Zeit, sie nervt die Eltern, und sie entwertet die Arbeit, die das Team im Vorfeld geleistet hat. In diesem Beitrag zeige ich, wie wir in unserer Praxis mit einem einfachen Format dagegen arbeiten, was dabei gut funktioniert und wo es noch hakt.

Das eigentliche Problem ist die Übergabe, nicht das Wissen

In den meisten Praxen erheben MFAs vor dem Arztkontakt bereits viele Informationen. Fieber seit wann, Trinkmenge, Auffälligkeiten beim Atmen. Die Information ist also da. Sie kommt nur oft nicht so beim Arzt an, dass er darauf aufbauen kann.

„Geht ihm schlecht“ hilft im Behandlungszimmer nicht weiter. „Atmet schnell, zieht beim Atmen ein, trinkt seit gestern wenig“ dagegen schon. Der Unterschied liegt selten im medizinischen Wissen der MFA, sondern in der gemeinsamen Sprache zwischen Team und Ärzteschaft. Fehlt sie, fragt der Arzt sicherheitshalber noch einmal nach. Das ist nachvollziehbar, aber es macht die Vorarbeit zur Doppelarbeit.

Eine gemeinsame Sprache wird nicht jede zweite Frage verhindern. Manchmal ist Nachfragen auch ärztliche Sorgfalt. Aber sie schafft die Grundlage dafür, dass die Vorarbeit des Teams wieder zählt.

Warum klassische Fortbildungen hier kaum helfen

Wir hatten in der Vergangenheit viele Fortbildungen, interne wie externe, oft über mehrere Stunden. Inhaltlich waren sie gut. Im Alltag angekommen ist davon aber erstaunlich wenig.

Das liegt nicht an den Referenten. Ein Fortbildungstag bündelt viel Stoff an einem Termin, danach geht der Praxisbetrieb weiter, und nach zwei Wochen ist das meiste wieder vergessen. Was fehlt, ist Wiederholung, und die lässt sich mit seltenen, grossen Terminen kaum herstellen.

Unser Format, zehn Minuten pro Woche

Seit einem halben Jahr machen wir es deshalb anders. Einmal pro Woche gibt es in unserer Frühbesprechung zehn Minuten Input. Nicht mehr, nicht weniger.

Vorbereitet wird dieser Input reihum vom Team selbst. Im Praxis-Wiki steht ein Plan, wer wann an der Reihe ist. Das Thema sucht sich die jeweilige Person selbst aus. Genau das hat sich als einer der wichtigsten Punkte herausgestellt. Wer ein Thema vorbereitet, setzt sich gründlicher damit auseinander als jeder Zuhörer, und das Team bestimmt mit, was es für den Alltag wirklich braucht.

Fragen gehören bei uns bewusst nicht in die zehn Minuten. Sie werden erst am nächsten Morgen in der Frühbesprechung gestellt. Das hält den Vortrag kurz, und ganz nebenbei holt es das Thema einen Tag später noch einmal ins Gedächtnis. Wem über Nacht noch etwas eingefallen ist, kann es dann einbringen.

Die Themen sind entsprechend breit. In den letzten Monaten ging es unter anderem um den Fieberkrampf beim Kind, den Unterschied zwischen Mutter-Kind-Kur und Reha, die Befüllung der ePA, Selektivverträge und Borreliose. Medizinisches steht gleichberechtigt neben Organisatorischem, weil beides im Praxisalltag gleich oft gefragt ist.

Beispiel aus der Praxis, medizinische Fachsprache

Diese Woche waren einer unserer Ärzte und ich an der Reihe, das Thema war medizinische Fachsprache. Um den Inhalt ging es dabei nur zum Teil. Spannender war die Methode.

Statt Begriffe zu erklären, haben wir sie an das Flipchart geschrieben und die MFAs selbst zerlegen lassen, von hinten nach vorne. Die Nachsilbe sagt, was los ist, die Vorsilbe sagt, wie viel oder wo. Die Ärzte haben sich bewusst zurückgehalten und nur aufgelöst, wenn niemand weiterkam. Das Team hatte sichtlich Spass daran, selbst auf die Lösung zu kommen, und genau deshalb bleibt es hängen.

Nach den zehn Minuten kam ein Onepager mit den wichtigsten Bausteinen und Regeln ans Waschbecken und an die Kaffeemaschine. Also an die Stellen, an denen man ohnehin kurz stehen bleibt. Ein Onepager im Ordner wird nicht gelesen, einer an der Kaffeemaschine schon.

Bei diesem Thema bleibt es nicht bei einer Session. Fachsprache entwickeln wir gezielt weiter. In der Frühbesprechung gibt es künftig jede Woche einen Baustein der Woche, die fachlichen Vorträge im Team enden jeweils mit fünf Fachbegriffen aus dem Thema, und an einem festen Termin prüfen wir den Stand mit einem kurzen Quiz. So wird aus einem einmaligen Impuls ein Lernpfad.

Was nach einem halben Jahr noch nicht rund läuft

Das Format funktioniert, aber nicht reibungslos. Zwei Punkte beschäftigen uns immer wieder.

Erstens die Zeit. Zehn Minuten sind schnell überschritten, besonders wenn ein Thema viele Fragen auslöst. Das ist eigentlich ein gutes Zeichen, gefährdet aber das Format. Wird die Frühbesprechung regelmässig zu lang, verliert das Team die Bereitschaft dafür. Wir haben deshalb Vortrag und Fragen voneinander getrennt. Die Fragen kommen erst am nächsten Morgen, und im Vortrag selbst gilt eine harte Grenze. Lieber einen Punkt streichen als überziehen.

Zweitens das freie Vortragen. Nicht jede Kollegin und nicht jeder Kollege ist es gewohnt, vor dem ganzen Team zu sprechen. Hier hilft ein kurzer Moderationsleitfaden mit Zeitplan und festen Fragen an das Team. Er nimmt die Unsicherheit, weil klar ist, was wann passiert.

So setzen Sie das Format in Ihrer Praxis auf

Wenn Sie so ein Format in Ihrer Praxis einführen möchten, reichen wenige Voraussetzungen.

  • Ein fester Termin pro Woche, am besten in einer bestehenden Besprechung, damit kein neues Meeting entsteht.
  • Ein Rotationsplan, der für alle sichtbar ist, zum Beispiel im Praxis-Wiki.
  • Freie Themenwahl durch die Vortragenden, medizinisch wie organisatorisch.
  • Eine harte Zeitgrenze von zehn Minuten, die auch die Ärzte respektieren.
  • Fragen erst am nächsten Morgen, das hält den Vortrag kurz und wiederholt das Thema.
  • Ein Onepager pro Thema, ausgehängt dort, wo das Team ohnehin vorbeikommt.
  • Für ausgewählte Themen eine Wiederholung in den Folgewochen.

Wie Sie Ihre Frühbesprechung insgesamt strukturieren, habe ich im Beitrag zu Teambesprechungen in der Arztpraxis, beschrieben. Das Weiterbildungsformat lässt sich dort gut als fester Baustein einbauen.

Wie medtransform dabei unterstützt

Ob Kinderarztpraxis oder Hausarztpraxis, bei medtransform begleite ich Praxen dabei, solche Formate im eigenen Team aufzubauen. Das Ziel ist nicht, dass ich Ihnen fertige Unterlagen liefere, sondern dass Ihr Team Themenplan, Moderationsleitfaden und Onepager künftig selbst erstellt. Als Beispiel stelle ich Ihnen den Onepager und den Moderationsleitfaden zur Fachsprache-Session gerne zur Verfügung. Link zum Onepager

Wie verankern Sie Weiterbildung in Ihrem Praxisalltag?

Wenn Sie ein solches Format in Ihrer Praxis einführen möchten,,
dann vereinbaren sie ein unverbindliches Erstgespräch.

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